Zeitzeugengespräch mit Tamar Dreifuss anlässlich des Holocaust – Gedenktages an der Gesamtschule Bergheim


P1010061.JPGIch hatte keine Kindheit“, mit diesen Worten leitete Tamar Dreifuss ihren Vortrag am 29.1.2018 an der Gesamtschule Bergheim ein. Die 80-jährige wurde im litauischen Wilna geboren Als kleines Kind überlebte sie dank des mutigen Handelns ihrer Mutter den Holocaust. Frau Dreifuss verarbeitete diese „wundersame Rettung“ in einem KinderbuchDie wundersame Rettung der kleinen Tamar 1944“. Mit Bildern aus diesem Buch und privaten Fotos illustrierte sie eindrücklich die Geschichte ihrer Kindheit, die abrupt im Herbst 1940 endete, als Litauen in die Sowjetunion eingegliedert wurde und eine schrittweise Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung begann. Die Situation der Juden verschlechterte sich drastisch, als deutsche Truppen 1941 die Sowjetunion überfielen. Sofort wurde die judenfeindliche Politik der Deutschen umgesetzt und Tamars Familie gezwungenihre Wohnung zu verlassen. Sie fanden Unterkunft in Ponar, einem nahe gelegenen Ort. Dort wurden sie ein Jahr später, nach dem Einmarsch der Deutschen, Zeugen von Massenerschießungen. Es gelang der Familie zunächst sich zu retten. Bewegend beschrieb Frau Dreifuss, wie sie zu ihrer katholischen Tante ziehen musste und sie dort als christliches Mädchen „Theresa“ ausgegeben wurde, während sich ihre Eltern in einem Kloster versteckten. Als die kleine Tamar jedoch ihre jüdische Herkunft verriet, musste ihre Familie in das neu geschaffene Ghetto von Wilna ziehen. Eindrücklich schilderte Frau Dreifuss den Abschied von ihrem Vater im September 1943 der mit den übrigen Männern deportiert und wenig später im KZ ermordet wurde.


P1010012.JPGGemeinsam mit ihrer Mutter wurde Tamar wenig später in einem Viehwaggon abtransportiert. „Den Geruch werde ich niemals vergessen“, erzählt Frau Dreifuss. Als der Zug in einem Durchgangslager hielt, fasste Tamars Mutter, Jetta Schapiro, einen mutigen Plan: Nach einer angeordneten Gemeinschaftsdusche wählte sie für sich und Tamar schicke Kleidung aus dem Kleiderhaufen, schminkte sich und band der kleinen Tochter sogar eine Schleife ins Haar. „Alle haben gedacht, jetzt sei sie verrückt geworden“, das sei in diesen Situationen häufig vorgekommen, schilderte Frau Dreifuss die Reaktion der Umstehenden.

Jetta Schapiro habe jedoch ihr Kind an der Hand genommen und selbstbewusst die diensthabenden Wachmänner passiert, als seien sie nur Besucherinnen gewesen: „Wir sind durch das Tor gegangen, einfach so!“, erzählt sie den Schüler/innen der Gesamtschule.

Nach der geglückten Flucht gab sich die Mutter als Russin aus und arbeitete auf Bauernhöfen. Dabei lebte sie in ständiger Angst, als Jüdin erkannt zu werden. Und noch einmal wurden Mutter und Tochter wundersam gerettet. Auf einem Bauernhof habe sich die Mutter mit dem aggressiven Wachhund angefreundet. Als nazifreundliche Partisanen kamen, versteckten sich die Beiden tagelang in seiner Hundehütte. Der Hund habe sogar sein Essen mit den beiden Frauen geteilt, erinnerte sich Frau Dreifuss.

P1010006.JPGNach dem Vortag stellten die Schüler/innen viele Fragen. Auf die Frage, was für sie Heimat sei, antwortete Frau Dreifuss mit einem verschmitzten Lächeln. Wilna sei Heimat, Israel sei Heimat, Deutschland hingegen eine Aufgabe. Sie wäre ihrem Mann aus Liebe nach Deutschland gefolgt, mit der Absicht nach dem Studium wieder nach Israel zurückzukehren. Die Dreifuss' blieben jedoch in Deutschland. In diesem Zusammenhang wies Frau Dreifuss auf die Chancen einer demokratischen Gesellschaft hin. Indem sie unermüdlich insbesondere vor jungen Menschen ihre Geschichte erzähle, solle die Erinnerung an die Zeit der Judenverfolgung lebendig bleiben, damit sie unwiederholbar sei. Es sei die Aufgabe der jungen Generation unermüdlich für Menschenrechte einzutreten.

Sichtlich ergriffen und beeindruckt verabschiedeten die Schüler/innen Tamar Dreifuss Wir bedanken uns beim Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte e.V. , der den Kontakt zu Frau Dreifuss herstellte.

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