Eine Brücke zwischen den Generationen und Kulturen

Biografiewerkstatt mit Überlebenden, Jugendlichen und jungen Geflüchteten

Kennenlerntreffen_4.09_014.JPG„Bitte nennen Sie jeweils eine Sache, die Sie von einem älteren und von einem jüngeren Menschen gelernt haben“, sagt die Moderatorin. Elena Strum lächelt: „Als ich klein war, haben die Erwachsenen mir gesagt, dass man nicht immer alles sagen darf. Nun habe ich von meinem Enkel gelernt, dass man immer alles sagen muss“. So knapp und präzise resümiert die 94-Jährige eine der wichtigsten Lehren des 20. Jahrhunderts. Elena nimmt zusammen mit sechs weiteren Überlebenden an der „Biografiewerkstatt zum Thema Flucht und Migration mit Jugendlichen der Gesamtschule Bergheim, NS-Überlebenden und Geflüchteten“ teil.   Seit dem Zweiten Weltkrieg waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Diese Situation wirft neue Fragen und Herausforderungen auf. Was bedeutet es, verfolgt zu sein und aus seinem Land fliehen zu müssen? Wie agieren rechte Parteien gegen die Geflüchteten? Mit welchen Vorurteilen und Schwierigkeiten werden sie in ihrer neuen Heimat konfrontiert? Wie überwindet man das Trauma der Verfolgung und findet den Weg in das weitere Leben? Was kann man aus der Geschichte der NS-Verfolgung lernen und welche Parallelen kann man in die heutige Zeit ziehen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Biografiewerkstatt.

Zeitzeugen_1.JPGZwölf SchülerInnen der QI  führen Interviews mit den Überlebenden durch und rekonstruieren ihre Lebensgeschichten, dabei setzen sie einen besonderen Fokus auf die erlebten Fluchterfahrungen. Durch die Geschichten der Überlebenden lernen die SchülerInnen historische Themen kennen, die weit über den schulischen Lehrplan hinausgehen. Darunter der Holocaust in Osteuropa, die Blockade von Leningrad und die schwierige Aufarbeitung der NS-Geschichte im Nachkriegsdeutschland. Dabei wird auch die Geografie der NS-Verfolgung deutlich, die von Deutschland über Osteuropa bis nach China reichte.

Die Überlebenden stehen im Mittelpunkt des Projekts, doch für die Jugendlichen mit und ohne Fluchthintergrund geht es um mehr, als die Dokumentation der Überlebendenbiografien. Es entstehen auch kreative Texte, Gedichte, Bilder und Zeichnungen zu den Themen „Flucht und Migration“, die am Ende des Projekts in Form eines Sammelbandes veröffentlicht werden. Auf Grundlage der erstellten Texte wird es eine szenische Lesung geben, die in Bergheim und in Köln aufgeführt werden wird.

Die Beiträge der jungen Geflüchteten werden es den Teilnehmenden zudem ermöglichen, das Thema Flucht aus der gegenwärtigen Perspektive zu betrachten. Geplant ist in diesem Zusammenhang auch eine Auseinandersetzung mit Problemen des Asylrechts und aktuellen Herausforderungen, wie der Integration von Geflüchteten oder der Überwindung von gesellschaftlichen Stereotypen und Fremdenfeindlichkeit.

Die ersten Interviews fanden im Oktober 2017 statt. Zuvor wurde den SchülerInnen ein Überblick über die historischen Ereignisse vermittelt, mit denen sie während der Interviews konfrontiert werden. Außerdem erhielten sie eine Einführung in die „Oral History“ als Methode der Geschichtswissenschaft, machten sich mit der Aufnahmetechnik vertraut und setzten sich mit der Kunst der Fragestellung auseinander.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, sagen die Historiker, doch manche Ansichten und Vorurteile kehren immer wieder. Während die Shoah als eine singuläre Katastrophe und eine Mahnung an die kommenden Generationen in der Geschichte der Menschheit steht, gibt es auch in der heutigen Welt viele gefährlichen Tendenzen: ethnisch und religiös motivierte Gewalt, Verfolgung, Folter, Flucht.

Zeitzeugen_5.JPGIn diesem Schreib- und Theaterprojekt, das insgesamt 13 Monate dauern wird, lernen die Jugendlichen die Grundlagen journalistischer Arbeit kennen und setzten sich mit wichtigen historischen und politischen Inhalten auseinander. Die Projektidee wurde von der Journalistin Angelika Calmez unter Mitarbeit von Patricia Langfeld im Auftrag des Bundesverbands entwickelt.

Wir danken der Aktion Mensch e.V., der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V., der Dr. Franz-Stüsser-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die freundliche U nterstützung des Projekts.