Am 25 .Februar besuchten wir das Zeitzeugenkaffee des Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V. in der Residenz am Dom in Köln. Alle 2 Wochen  treffen sich dort Zeitzeugen des Nationalsozialismus, um gemeinsam über das Erlebte zu sprechen und um gemeinsam Zeit zu verbringen. Mehrmals im Jahr öffnet das Erzählkaffee seine Pforten für die Öffentlichkeit und ein Zeitzeuge erzählt von seinen Erlebnissen. An diesem Tag besuchte der Zeitzeuge Hellfried Heilbut das Erzählcafé, um dort über seine Erlebnisse zu erzählen.

Hellfried Heilbut wurde 1926 in Freital geboren. Sein Vater war Jude und seine Mutter Christin. Aus diesem Grund bezeichnet sich Heilbut als Halbjude. Dadurch, dass sein  Vater ein sehr bekannter Sozialdemokrat und Journalist war, geriet er früh ins Visier der Nationaldemokraten. Bereits Anfang 1933 wurde er für mehrere Monate inhaftiert. Seine Familie führte ein Lebensmittelgeschäft in Freital, in dem zunächst alles gut lief und die Familie in guten Verhältnisse leben konnte. Doch dieses Glück hielt nicht lange an, denn mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten kam alles plötzlich ganz anders. Eines Tages stand ein Mann der SA vor dem Lebensmittelgeschäft, um die Menschen vom Kaufen abzuhalten. „Kauft bei den Juden nichts“, dies sagte er zu jedem Kunden, um ihm so am Einkauf zu hindern. Der Höhepunkt dieses Konfliktes war, als die SA auf den 1.Stock des Lebensmittelgeschäfts schoss, denn dort befand sich die Wohnung der Familie Heilbutt. Beim Versuch ihrem Mann zu helfen, wurde Hellfrieds Mutter durch Schüsse verletzt. In der Schule hatte Hellfried mit Diskriminierung und Missachtung stark zu kämpfen, denn jeder Freund von ihm wurde als „Judenfreund“ bezeichnet. Dies galt damals als schlimmes Schimpfwort und somit wendeten sich seine Freunde von ihm ab. Als ein letzter Versuch, den Sohn evangelisch zu taufen, um ihn somit vor den Nationalsozialisten zu schützen, scheiterte, beschlossen die Eltern nach dem Novemberprognom 1938, ihren Sohn durch einen der sogenannten  Kindertransporte  nach England zu schicken. 

In England besuchte er eine sogenannte Boarding School, in der deutsche Kinder mit dem gleichen Schicksal unterrichtet wurden. Mit den 72 Mitschülern pflegte er eine enge Freundschaft und sie wurden für ihn wie seine Familie. Mit den noch 6 lebenden Mitschülern hat er immer noch einen sehr guten Kontakt. Sehr stolz ist zudem auch auf seine Identitätskarte, welche er damals bekam, um seine Identität beweisen  zu können. Diese Karte ersetzte ein Visum und er war der einzige, der seine Karte noch immer besitzt, denn keiner seiner Mitschüler behielt diese Karte. Er erzählte, dass er dort nur jeden Monat einen Brief mit je 25 Wörtern nach Deutschland schreiben durfte und dies war für uns unglaublich, denn seine Gefühle, Erlebnisse und Gedanken in einen Brief mit je 25 Wörter zu fassen, ist unmöglich. Durch einen solchen Brief erfuhr er 1933, dass sein Vater im Vernichtungslager Auschwitz hingerichtet worden war. Seine Mutter schrieb ihm: „ Vati Tod. Bruder gefangen. Schwester versteckt.“  Erst nach Kriegsende fand Hellfried heraus, dass seine beiden Geschwister und die Mutter überlebt hatten. In England machte er eine Ausbildung zum Ingenieur und arbeitete dort in einer amerikanischen Firma, durch die er die Möglichkeit bekam, zurück nach Deutschland gehen zu können. Hellfried fand in Deutschland seine große Liebe und beschloss aufgrund dieser in Deutschland zu bleiben.

Trotz aller Vorkommnisse liebt er Deutschland ebenso wie England und er sagt, er habe zwei Vaterländer. Deutschland und England. Beide Länder sind für ihn ein wichtiger Bestandteil seines Lebens und er lebt gerne in beiden Ländern.

Obwohl er sich mit keiner Religion identifizieren kann, besitzt er eine enge Verbundenheit mit dem Judentum und dem Christentum. Seine Lebensgefährtin und er sind sehr stolz, dass ihre gemeinsame Tochter zum Judentum konvertiert ist, um sich so klar zum Judentum zu bekennen. Trotz seiner endlosen Strapazen hat er alle Torturen überstanden und ist zudem geworden, was er heute ist: ein unglaublich freundlicher und fröhlicher Mensch, welcher sich trotz Diskriminierung und Unterdrückung nie hat unterkriegen lassen. Seine Liebe zu seiner Frau stärkte ihn zudem und machte ihn zu einem selbstbewussten Familienmensch.

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Hellfried Heilbut mit seiner Identifikationskarte.